Heute bin ich weiß

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Es gibt Tage, da muss es weiß es sein. Manchmal reicht schon ein Klecks, ein winziger Farbtupfer. Der weiße Schnürsenkel, die kleine weiße Schleife am BH, die schlichte weiße Perle am Ohr, die weißen Schuhsohlen.

Heute soll, heute darf es ganz viel weiß sein. Ein langes weißes Hemd. Kaum getragen, frisch gebügelt, hell, strahlend, ohne Grauschleier und Flecken. Fast wie neu.

Jeder Tag ist neu, ganz neu nicht nur fast neu. Ich begrüße und bestaune ihn. Will ihn heute in Weiß leben. Offen, klar und hellen Mutes. Mich hineinfallen lassen wie in frisch gefallenen, glitzernden Schnee, noch glatt und unberührt. Meinen Abdruck spüren, ihn stehen lassen, nicht verwischen. Aufstehen, weitergehen.

Ein weißes Blatt Papier, das sich füllen darf mit dem was kommt. Mal mit Nachdruck und Sorgfalt formuliert, mal hingehuscht, gekritzelt. Weiß nimmt es auf, lässt es stehen.

Heute lasse ich mich nicht ablenken von den Farbspielen, der bunten Palette in mir und um mich herum. Weiß ist unbunt. Weiß lässt sich nicht beeindrucken von dem lauten und leidenschaftlichen Rot. Wärmend, kraftvoll, besitzergreifend und zehrend. Von dem kühlen, verheißungsvollen Blau. Weit, klar, wahr. Distanziert, unerreichbar. Von dem strahlenden, wachen, hellen Gelb. Selbstgefällig und launisch. Weiß kontrastiert mein Schwarz: extravagant, individuell, verheißungsvoll, endgültig.

Heute bin ich weiß. Nicht den ganzen Tag. Schon jetzt zieht sich ein dünnes gelbes Rinnsal über das Hemd. Frühstücksei. Vielleicht gesellt sich später noch ein duftender Fleck Basilikum dazu oder ein kleiner brauner Kaffeespritzer. Eine feine schwarze Spur vom Kugelschreiber. Bunte Pünktchen, Lebensspuren. Sie kommen, gehen.  Weiß bleibt.

 

Published by: Silbensammlerin

Gebürtige Schwäbin, Wahlfrankfurterin und Neuberlinerin, Entwicklungshelferin für Menschen, Teams und Organisationen. Zu neuen Ufern reisen, Menschen berühren, mich berühren lassen. Formen, Farben, Gerüche aufspüren. Speisen schmecken, Silben sammeln, mit Worten spielen, schreiben, slammen, Abseitiges entdecken. Neugierig bleiben.

1 Kommentar

Ein Gedanke zu “Heute bin ich weiß”

  1. Hat dies auf Wesentlich werden rebloggt und kommentierte:
    Bianca ist heut weiß 😉 … mein Totenhemd ist auch weiß, weil es mein Brautkleid ist, das in meinem Kleiderschrank hängt … deshalb gibt es den Totenhemd-Blog.

    Aber zurück zum weiß … ich liebe das weiße Blatt vor mir, wenn ich es füllen darf.

    Habt einen schönen Tag.

    Liken

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