Elf Nützlichnutzlose Dinge

 

statt
einfach nur
im Badezimmer herumzuliegen
dürfen sie heute leben!
#elfnützlichnutzloseDinge

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„Ohne mich wäre sie ja fast nackt“. Der Manhattan lipstick bite my lip ist wie immer als Erster am Start. Er besteht auf seinem vollen Namen.  Von der Lavendelseife wurde er schon mal „Bity“ genannt, da wäre er fast ausgerastet. Der Puderpinsel konnte ihn gerade noch zurückhalten. Dabei hatte es die kleine Seife gar nicht böse gemeint. Eingewickelt in verblichenes violettes Papier fristet sie ihr Dasein auf dem Sims unter dem Dachfenster. Und das schon seit ewigen Zeiten. Im Gegensatz zu all den anderen Nützlichnutzlosen wird sie kaum beachtet oder gar angefasst. Nur neulich, als Madame mit fahrigen Bewegungen in ihrer Schminkschublade kramte und dann ganz lange in den Spiegel starrte, kam ihr Moment. Madame sah sie an, griff nach ihr, schnupperte kurz, legte sie dann wieder auf den Sims. Enttäuscht, achtlos. Da wusste sie, dass sie gar nichts mehr wert war. Ihr spezieller Duft, aus vielen violetten Blüten in ein kleines quadratisches Stückchen gepresst, war einfach weg, verflogen, verschwunden. Der einzige Nutzen, Madame zu beruhigen und zu besänftigen, wenn sie an ihr roch-vorbei. Sie malte sich aus, dass sie bald in dem verbeulten Metalleimer landen würde, zum Händewaschen benutzt Madame schließlich Flüssigseife. Die Vollversammlung der Nützlichnutzlosen, die einmal in der Woche stattfindet, ist der einzige Moment, in dem sie beachtet wird und wenn es nur die mitleidigen Blicke von Chance Chanel sind. Sie wollte dem Lippenstift einfach nur was Nettes sagen und hätte nie gedacht, dass er so auf sie los gehen würde. Gut, dass der Pinsel für Ordnung sorgt. Er sorgt immer für Ruhe und Ordnung, doch heute wirkt er schlaff und lustlos. Vielleicht liegt es daran, dass er in letzter Zeit wenig Möglichkeit hatte, den Puder auf Madames Gesicht schön gleichmäßig zu verteilen und sie strahlend aussehen zu lassen. Madame strahlt kaum noch und hat anscheinend auch keine Lust mehr, sich vom Pinsel streicheln zu lassen. Und mal ehrlich, auch Bity kommt doch nur noch selten zum Einsatz. Bevor sie etwas zu ihm sagen kann, kommt ihr die Eintrachtfrankfurtbadeente zu Hilfe, ihr einzige Freundin und Verbündete. Auch sie steht auf einer weißen Fließe, nicht am Fenster, sondern am Rand der Badewanne und wird äußerst selten ins Wasser gebeten. Wenn, dann höchstens von Monsieur.

„Ey, Libbestift, willst de mal de Ball flachhalte, du roder Knallkopp, pump disch mal ned so uff, die nimmt disch doch gar net mehr, was haast hier nackisch ohne disch, was für a dummer Spruch, dreh disch runner und zurück in dei Hülse“. Die Ente zwinkert der Seife zu, dreht sich um und zeigte Manhattan Lipstick bite my lip seine Kehrseite. Bevor der Lippenstift wieder ausrasten kann, erwacht der Pinsel aus seiner Lethargie und beruhigt gewohnt souverän die Gemüter. „Komm schon Lipstick, alles gut, wir sind doch alle hier Nützlichnutzlos, alle gleich…“ „Und andere gleicher“ wird er von Chance Chanel unterbrochen. Der elegante Flakon hält sich sonst vornehm zurück, in der Gewissheit jeden Tag zum Einsatz zu kommen. Heute schielt er zu den Geschwistern Rituals, der Ajurveda Handcreme und dem Parfum d’Intérieur. „Die beiden Roten da drüben, die halten sich jetzt wohl für etwas Besseres, n’est-ce pas?“ Chance Chanel muss immer wieder seine französische Herkunft betonen, was alle anderen geflissentlich ignorieren. „Ja, sie braucht uns jetzt halt dringend“, antworten die beiden im Chor, „Rituale sind wichtig in dieser Zeit. Madame ist jetzt immer zu Hause und wäscht sich ganz oft die Hände. Da hilft ihr kein Chanel, ihr Zimmer muss gut riechen und die Hände auch“. Die Rituals of Ajurveda nicken sich zu und grinsen in die Runde. „Dann kann sie euch auch besser anziehn, was?“ Recovery Hand Balm neigt sich zu den beiden weißen Handschuhen. Sie sind neu in der Runde, antworten nicht, liegen einfach nur still da. Creative Texture SUPEREGO, Stylingcreme und sonst einer der Wortführer, ist diesmal ungewöhnlich schweigsam. „Na, nix zu sagen heute“. Lipstick bite my lip dreht sich hoch und runter. Ihm ist das alles zu lasch und langweilig hier. „Ich mach mir Sorgen“, SUPEREGO spricht ganz leise, man hört ihn kaum. „Wie Sorgen, Sorgen um was?“ Die Pinzette, die ganz dicht bei ihm liegt, schaut ihn fragend an. „Na, sie wäscht sich nicht mehr so oft die Haare, und Styling scheint auch kein Thema mehr zu sein. Mit Dir und Kollege Spiegelx10 zieht sie sich immerhin noch die Haare raus und das jetzt öfter als sonst“.  Den letzten Satz hat SUPEREGO in seiner gewohnten Lautstärke und seinem Stakkato Tonfall gesprochen. Jetzt sind alle ruhig. Und schauen den Pinsel an. Der schüttelt sich langsam.  „Wird schon wieder, wir sollten das alles nicht überbewerten. Hier im Bad bleibt jetzt erst mal alles so wie es ist.  Wir machen Schluss für heute und treffen uns nächste Woche zur üblichen Zeit. Dann sehen wir weiter.“

Published by: Silbensammlerin

Gebürtige Schwäbin, Wahlfrankfurterin und Neuberlinerin, Entwicklungshelferin für Menschen, Teams und Organisationen. Zu neuen Ufern reisen, Menschen berühren, mich berühren lassen. Formen, Farben, Gerüche aufspüren. Speisen schmecken, Silben sammeln, mit Worten spielen, schreiben, slammen, Abseitiges entdecken. Neugierig bleiben.

3 Kommentare

3 Gedanken zu “Elf Nützlichnutzlose Dinge”

  1. Lustig! Auf die Idee muss frau ja erstmal kommen … sehr interessant und überraschend das wöchentliche Meeting in deinem Badezimmer. Hab ich gern gelesen. :-)) Ich nehme an, du stehst jetzt immer an der Badezimmertür und lauschst?
    Liebe Grüße. Petra

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